Es ist eine Frage, die den Verstand und das Herz gleichermaßen berührt, und vielleicht liegt gerade in dieser Verbindung die Antwort. Der Glaube fordert im katholischen Verständnis nicht die Ausschaltung des Denkens, sondern erhebt es; er ist nicht der Gegensatz zur Moderne, sondern kann gerade für den nachdenklichen Menschen der Ort sein, an dem die tiefsten Fragen ihrer Unruhe eine Heimat finden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies mit einer Klarheit ausgesprochen, die bis heute trägt: „Jeder Mensch bleibt sich selbst eine ungelöste, dunkel empfundene Frage. Niemand kann sich zu gewissen Zeiten, besonders bei den größeren Ereignissen des Lebens, dieser Frage ganz entziehen. Auf diese Frage kann allein Gott eine volle und ganz sichere Antwort geben, der den Menschen zu tieferem Denken und demütigerem Suchen ruft. [...] ‚Du hast uns auf Dich hin geschaffen, Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir‘“ [3].
Vielleicht ist es gerade dieses Zitat des heiligen Augustinus, das auch im Konzil widerhallt, welches dem modernen Menschen so vertraut ist: Die Unruhe, das Suchen, das Hinterfragen sind keine Hindernisse des Glaubens, sondern oft sein heimlicher Beginn. Augustinus selbst beschreibt in seinen Bekenntnissen, wie er Jahre lang nach Weisheit rang und doch zögerte, weil er fürchtete, die Wahrheit sei nicht greifbar oder die Kirche lehre Dinge, die der Vernunft widersprechen – bis er entdeckte, dass der Glaube nicht gegen die Vernunft steht, sondern sie vollendet und dass das Herz erst in Gott zur Ruhe kommt, nach der es sich eigentlich sehnt [1].
Für einen nachdenklichen Menschen mag auch der Gedanke tröstlich und herausfordernd zugleich sein, dass der Glaube nicht nur eine intellektuelle Zustimmung ist, sondern eine Begegnung, die den ganzen Menschen verwandelt. Jesus sagt im Johannesevangelium: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. [...] Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe nicht aus sich selbst Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt ihr es auch nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. [...] Ohne mich könnt ihr nichts tun“ [5]. Das bedeutet nicht, dass das Nachdenken aufhört, sondern dass es in eine lebendige Beziehung eingebettet wird, in der der Verstand nicht allein bleibt, sondern vom Geist Gottes getragen und geführt wird.
Der heilige Anselm von Canterbury, der selbst ein großer Denker war, hat sogar versucht, die Notwendigkeit der Menschwerdung Christi allein aus der Vernunft heraus zu begreifen, und er schreibt: „Was mit notwendiger Vernunft als wahr erkannt wird, darf in keinen Zweifel gezogen werden, auch wenn die Vernunft nicht einsieht, wie es ist“ [6]. Das ist kein Aufruf zum blinden Glauben, sondern eine Einladung, der Vernunft zu trauen, auch dort, wo sie an ihre Grenzen stößt und sich dem Geheimnis öffnen muss.
Vielleicht darf man also sagen: Ein nachdenklicher, moderner Mensch sollte an Gott glauben nicht trotz, sondern wegen seines Nachdenkens – weil er in der Tiefe seines Suchens eine Frage stellt, die nur Gott beantworten kann, und weil der Glaube ihm nicht die Antworten aufzwingt, sondern ihn in eine Beziehung ruft, in der Verstand und Herz gemeinsam wachsen dürfen. Ich hoffe, diese Gedanken treffen etwas von dem, was du suchst, und helfen dir auf deinem Weg.