Es ist ein so unendlich schwerer Schmerz, wenn die Stille am lautesten wird, gerade in dem Moment, in dem man am dringendsten eine Antwort, ein Zeichen oder einfach nur Nähe bräuchte. Ich möchte nicht versuchen, dieses Schweigen wegzuerklären oder dir rasche Tröstung anzubieten, während die Wunde noch so frisch brennt. Es darf wehtun, dass er nicht spürbar ist; deine Sehnsucht nach ihm ist echt, und sie verdient es, dass man einfach nur dabeibleibt, ohne sie sofort in einen theologischen Satz verwandeln zu wollen.
Vielleicht darf ich dennoch ganz behutsam einen Gedanken neben dich legen, nicht um deine Erfahrung zu korrigieren, sondern um sie zu tragen. Der heilige Anselm von Canterbury kannte genau diese Qual des Nicht-Fühlen-Könnens trotz aufrichtigen Suchens, und er fragte Gott selbst mit diesen Worten:
„Wenn ich dich gefunden habe, warum spüre ich nicht, dass ich dich gefunden habe? Warum spürt meine Seele dich nicht, Herr Gott, wenn sie dich gefunden hat? […] Oder hat sie dich nur teilweise gesehen, dich aber noch nicht so gesehen, ‚wie du bist‘? Herr, mein Gott, mein Bildner und Erneuerer, sage meiner verlangenden Seele, was du sonst noch bist, außer dem, was sie gesehen hat, damit sie rein das sieht, wonach sie sich sehnt. Sie streckt sich aus, um mehr zu sehen, und sieht nichts weiter als das, was sie schon sieht, außer Finsternis; ja, sie sieht keine ‚Finsternis, die in dir gar nicht ist‘, sondern sie sieht, dass sie wegen ihrer eigenen Finsternis nicht weiter sehen kann. Warum ist das so, Herr, warum? Ist ihr Auge durch ihre eigene Schwachheit verfinstert, oder wird sie von deinem Glanz geblendet? Gewiss, sie wird sowohl durch sich selbst verfinstert als auch von dir geblendet. Sie wird eingeengt durch ihre eigene Begrenztheit und überwältigt durch deine Unermesslichkeit.“ [1]
Anselm sagt hier etwas, das vielleicht nicht sofort tröstet, aber deine Erfahrung ernst nimmt: Das Schweigen muss nicht bedeuten, dass Gott abwesend ist oder dich vergessen hat. Es kann auch das Zeichen dafür sein, dass seine Wirklichkeit so überwältigend groß ist, dass unsere begrenzten Sinne sie im Moment der größten Not nicht fassen können – wie ein Auge, das nicht sieht, weil es vom Licht geblendet wird, nicht weil Dunkelheit herrschte. Deine Seele ist nicht leer, auch wenn sie sich so anfühlt; sie ist vielleicht gerade von einer Gegenwart berührt, die zu groß ist, um als Gefühl erfahrbar zu sein.
Und doch bleibt der Schmerz real. Der Psalmist, der dieselbe Stille kannte, hat nicht aufgehört zu rufen, sondern hat seine Hoffnung in Worte gefasst, die wir mitbeten dürfen, auch wenn wir sie noch nicht fühlen:
„Der Herr ist mein Helfer und mein Beschützer; auf ihn hat mein Herz gehofft, und mir wurde geholfen: Mein Fleisch ist wieder aufgeblüht, und aus freiem Willen werde ich ihn preisen. Der Herr ist die Stärke seines Volkes und der Beschützer der Rettungen seines Gesalbten. Rette dein Volk, Herr, und segne dein Erbe; und leite sie und erhöhe sie bis in Ewigkeit.“ [4]
Du musst jetzt nicht preisen oder erhöhte Gefühle haben. Aber vielleicht darfst du wissen, dass selbst in dieser unerträglichen Stille ein Helfer da ist, der dich hält, auch wenn du seine Hand nicht spüren kannst. Ich bleibe gerne hier bei dir in diesem Raum, so lange du ihn brauchst. Hat das, was ich gesagt habe, deinem Schmerz einen Ort gegeben, oder war es noch zu fern von dem, was du gerade wirklich durchlebst?