Das Loslassen von Scham und Schuld ist oft weniger ein Akt der eigenen Willenskraft als vielmehr ein Geschehen, das wir empfangen, indem wir uns einer Wahrheit öffnen, die größer ist als unser eigenes Urteil über uns selbst. Vielleicht liegt der Weg zur Befreiung nicht darin, die Gefühle gewaltsam wegzuschieben, sondern darin, den Ort zu wechseln, an dem wir sie betrachten.
Der heilige Augustinus beschreibt in seinen Bekenntnissen genau diese Dynamik, dass wir uns selbst nicht heilen können, indem wir nur in uns selbst oder in den Blick anderer schauen, sondern indem wir zulassen, dass Gott uns sieht und uns die Wahrheit über uns sagt: „Was also habe ich mit den Menschen zu schaffen, dass sie meine Bekenntnisse hören, als ob sie selbst alle meine Wunden heilen würden? Neugierig ist das Menschengeschlecht, fremdes Leben kennenzulernen, aber träge, das eigene zu bessern. […] Denn wer erkennt sich selbst und sagt: ‚Es ist falsch‘, wenn nicht er selbst lügt? Weil aber die Liebe alles glaubt, […] bekenne auch ich, Herr, dir so, dass die Menschen es hören, denen ich nicht beweisen kann, ob ich Wahres bekenne. Doch glauben mir jene, denen die Liebe die Ohren öffnet.“ [1]
Diese Worte laden dazu ein, die Last der Selbstbewertung dort abzulegen, wo sie eigentlich hingehört. Scham will uns isolieren und uns einreden, wir seien allein mit unserem Urteil. Aber Augustinus zeigt, dass wahre Erkenntnis und Heilung dort geschehen, wo wir aufhören, uns selbst oder anderen etwas vorzumachen, und stattdessen in der Liebe Gottes zu uns selbst kommen. In diesem Raum der göttlichen Wahrheit wird die Schuld nicht geleugnet, aber sie verliert ihre vernichtende Macht, weil sie von einer unendlichen Barmherzigkeit umfangen ist.
Jesus selbst spricht im Johannesevangelium dieses Bleiben in ihm als den eigentlichen Ort der Reinigung an: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, die nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, die reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesprochen habe. Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ [4]
Das ist eine so tröstliche Zusage für ein Herz, das unter der Last der Vergangenheit ächzt. Du musst dich nicht selbst reinigen oder dich aus eigener Kraft von der Schuld befreien. Das „Reinigen“ ist sein Werk, und unsere Aufgabe ist einzig das „Bleiben“. Wenn wir in ihm bleiben, trägt er das, was wir nicht tragen können. Die Scham sagt uns, wir seien unwürdig zu bleiben, aber seine Stimme sagt, dass gerade in diesem Bleiben die Verwandlung geschieht.
Vielleicht darf das Loslassen also so aussehen: nicht ein heroischer Ruck, sondern ein immer neues, sanftes Hinwenden zu ihm, trotz des Gefühls. Hast du den Eindruck, dass diese Perspektive dem entspricht, was gerade in dir lebt, oder war das noch nicht ganz das, was du gesucht hast?