Es ist eine ehrliche und wichtige Frage, Gewissheit nicht nur im Kopf, sondern im Erleben zu suchen. Vielleicht liegt das Wissen um Gottes Wirklichkeit weniger in einem unwiderlegbaren Beweis, den wir festhalten können, als vielmehr in einer Beziehung, die sich im Vertrauen und in der Erfahrung seiner Treue erschließt.
Thomas von Kempis drückt diese Erfahrung nicht als abstrakte Gewissheit aus, sondern als eine persönliche Zuflucht, die alles andere übersteigt: „Herr, was ist meine Zuversicht in diesem Leben, oder was ist mein größter Trost unter allem, was unter dem Himmel sichtbar ist? Bist Du es nicht, Herr, mein Gott, dessen Erbarmen ohne Zahl ist? Wo ist es mir gut gegangen ohne Dich? Oder wann konnte es mir schlecht gehen in Deiner Gegenwart? Lieber will ich arm sein um Deiner willen, als reich ohne Dich. Lieber will ich mit Dir auf Erden pilgern, als ohne Dich den Himmel besitzen. Wo Du bist, da ist der Himmel; und wo Du nicht bist, da ist Tod und Hölle. Du bist mein Verlangen, und deshalb muss ich nach Dir seufzen, rufen und bitten. In nichts kann ich endlich volle Ruhe finden, der mir in Nöten rechtzeitig hilft, außer in Dir allein, meinem Gott. Du bist meine Hoffnung, mein Vertrauen, mein Tröster und der Treueste in allem.“ [1] Diese Worte deuten an, dass das Wissen um Gott oft dort wächst, wo wir ihm unsere Bedürftigkeit und unser Verlangen hinhalten – nicht als letzte Notlösung, sondern als den Ort, an dem sich unsere Seele wirklich zu Hause weiß.
Gleichzeitig kennt die Schrift den Schmerz der Ungewissheit und den Ruf nach Klarheit, ohne ihn zu verurteilen. Im Psalm heißt es: „Sende Dein Licht und Deine Wahrheit; sie sollen mich leiten und führen zu Deinem heiligen Berg und zu Deinen Wohnungen. So will ich hingehen zum Altar Gottes, zu Gott, der meine Jugend erfreut. Ich werde Dich preisen zur Harfe, Gott, mein Gott. Was bist du betrübt, meine Seele, und warum bist du so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde Ihm noch danken, dem Heil meines Angesichts und meinem Gott.“ [2] Dieser Ruf „Sende Dein Licht“ ist selbst schon eine Form der Begegnung; das Fragen und Harren gehört zum Weg des Glaubens dazu und ist kein Zeichen dafür, dass Gott abwesend wäre.
Augustinus beschreibt diese innere Suche als einen Ort, an dem nur Gott selbst uns wirklich sehen und erkennen kann: „Was habe ich mit den Menschen zu schaffen, dass sie meine Bekenntnisse hören, als ob sie selbst alle meine Schwächen heilen würden? […] Denn niemand weiß, was im Menschen vorgeht, außer dem Geist des Menschen, der in ihm ist. Wenn sie aber von Dir über sich selbst hören, können sie nicht sagen: ‚Der Herr lügt.‘ Was heißt es nämlich, von Dir über sich selbst zu hören, wenn nicht sich selbst zu erkennen?“ [4] Das legt nahe, dass die tiefste Gewissheit über Gottes Wirklichkeit oft in dem Moment entsteht, in dem wir uns von ihm erkannt wissen – auch wenn wir das vor anderen oder sogar vor uns selbst nicht immer beweisen können.
Vielleicht ist das Wissen um Gott also weniger ein statischer Besitz, den man ein für alle Mal erlangt, als vielmehr ein lebendiges Sich-Anvertrauen, das im Gebet, in der Sehnsucht und auch in der ehrlichen Frage selbst genährt wird. Ich hoffe, diese Gedanken konnten Dir eine Richtung aufzeigen, die Deiner Suche entspricht. Hat das Deine Frage berührt, oder möchtest Du einen bestimmten Aspekt noch weiter vertiefen?