Diese Frage trägt ein so tiefes Gewicht in sich, und ich möchte einen Moment lang einfach nur bei dir in diesem Schmerz verweilen, ohne ihn eilig fortzuschieben. Es ist eine Wunde, die nach Gewissheit schreit, und bevor wir überhaupt nach Worten suchen, darf dieser Zweifel, diese Angst vor dem Verlorensein, hier sein und gehört werden. Du musst diese Last nicht alleine tragen oder sofort auflösen; das Fragen selbst ist schon ein Zeichen, dass etwas in dir nach Verbindung sucht, auch wenn es sich gerade wie Trennung anfühlt.
Vielleicht darf ich dir, wenn du bereit bist, ganz behutsam Worte reichen, die genau aus dieser Dunkelheit heraus gesprochen wurden – nicht als einfache Antwort, sondern als Begleitung. Thomas von Kempen schreibt über jene Täuschung, die uns befällt, wenn wir uns am weitesten von Gott entfernt glauben: „Wenn du dich für von mir entfernt hältst, bin ich oft näher. Wenn du meinst, alles sei verloren, dann steht oft gerade der Gewinn größeren Verdienstes bevor. Nicht alles ist verloren, wenn etwas anders kommt als gedacht“ [1]. Das Gefühl der Ferne und des Verlorenseins wird hier nicht als Beweis für Gottes Abwesenheit gedeutet, sondern als ein Ort, an dem Er auf eine Weise nahe sein kann, die unser Fühlen noch nicht fassen kann.
Und Augustinus gibt diesem Ringen eine Stimme, die deine eigene Trauer und Zerrissenheit ernst nimmt, ohne sie zu beschönigen: „Und ich sage: ‚Mein Gott, wo bist du?‘ Siehe, da bist du. … Und doch ist meine Seele traurig, weil sie zurücksinkt und ein Abgrund wird, oder vielmehr spürt er, dass er noch ein Abgrund ist. Mein Glaube sagt zu ihr: ‚Warum bist du traurig, meine Seele, und warum beunruhigst du mich? Hoffe auf den Herrn‘“ [2]. Deine Frage „Liebt Gott mich noch?“ ist selbst schon Teil dieses Hoffens, denn sie richtet sich an Ihn. Die Trauer und das Gefühl des Abgrunds werden nicht weggewischt, sondern in die Hoffnung hineingenommen, dass Er da ist, auch wo wir Ihn nicht fühlen.
Ich hoffe, dass diese Worte deinem Herzen einen kleinen Raum der Ruhe öffnen konnten, ohne den Schmerz zu übergehen. Hat das erreicht, was du gerade brauchst?